Erschöpfungssyndrom in Zeiten der Corona-Krise erkennen und entgegenwirken

Interview mit Dr. Marlen Cosmar, Psychologin und Referentin am Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG) über Homework und Kinderbetreuung

Portraitfoto von Dr. Marlen Cosmar © DGUV

Viele Beschäftigte nehmen derzeit eine Doppelrolle ein. Sie arbeiten im Homeoffice und betreuen ihre Kinder. Wie können Führungskräfte sie dabei unterstützen?

Führungskräfte benötigen ein Bewusstsein für die besondere Situation von Eltern im Homeoffice. Verfügen sie noch nicht darüber, müssten sie dieses Bewusstsein noch einmal schärfen. Das individuelle Gespräch mit den jeweiligen Beschäftigten zu suchen, hilft dabei, um auch die unterschiedlichen Bedürfnisse bei ihnen zu erkennen. Das bedeutet nicht, jeden Tag alle Personen im Team anzurufen, aber doch einen regelmäßigen Austausch zu vereinbaren. Diese Gespräche zahlen sich für die Beschäftigten wie für die Führungskräfte aus.

Während der Corona-Pandemie sind Führungskräfte besonders gefordert: Welche Empfehlungen haben Sie für gutes Führen aus der Ferne?

Am wichtigsten sind klare Kommunikation, Transparenz und die Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das gilt für den „regulären“ Arbeitsalltag und ist jetzt noch wichtiger geworden. Das heißt für die Führungskraft beispielsweise: Telefonkonferenzen so zu legen, dass Beschäftigte, die ihre Kinder zu Hause betreuen, auch daran teilnehmen können. Dabei gilt es, dafür auch bei den anderen Teammitgliedern Verständnis zu wecken, die keine Kinder haben. Aber natürlich müssen generelle Regeln für alle gelten, sonst kann Unzufriedenheit aufkommen. Diese Balance zu halten, ist eine wesentliche Aufgabe für die Führungskraft.

Eltern mit Kindern wollen wahrscheinlich alles besonders gut machen. Wie können Führungskräfte sie vor einer Überforderung schützen?

Die Situation stellt ohne Frage ein grundsätzlich erhöhtes Gesundheitsrisiko dar, weil die Gefahr einer Überforderung größer ist. Im schlimmsten Fall könnten sogar Burnout oder auch Depressionen eintreten. Für die Beschäftigten im Homeoffice ist daher wichtig, auch einmal Nein zu sagen, wenn es zu viel wird. Gerade bei Beschäftigten mit Kindern sollten sich Führungskräfte auf deren Einschätzung verlassen. Natürlich ist das kein Freifahrtschein, alle Anfragen abzulehnen. Die Vorgesetzten können aber schon bei der Planung überlegen, an wen sie das Projekt vergeben, und ob nicht auch jemand anderes aus dem Team diese Aufgabe erledigen kann.

Wie wichtig ist Vertrauen?

Gerade wenn für das Homeoffice Vertrauensarbeitszeit vereinbart wurde, ist das sehr wichtig. Manche Führungskräfte, die das noch nicht gewohnt sind, können hier über ihren Schatten springen. Für Beschäftigte mit Kindern vereinfacht es die Situation erheblich, wenn nicht auf jede einzelne Stunde geschaut wird, sondern darauf, dass das Gesamtergebnis stimmt. Ein solches vertrauensvolles Verhalten der Führungskraft wird mit engagierter Arbeit durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewürdigt.

Ein Blick nach vorn: Wie können Führungskräfte dazu beitragen, dass der Umstieg vom Homeoffice zurück ins Büro möglichst reibungslos verläuft?

In vielen Unternehmen wird das sicher Schritt für Schritt passieren. Die Frage ist, ob Erfahrungen aus der Zeit im Homeoffice genutzt werden können. Gerade für Beschäftigte mit Kindern hat das Homeoffice an sich ja viele Vorteile. Insofern kann natürlich überlegt werden, ob man die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, stellenweise ausdehnt. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen aber, dass es nicht zu empfehlen ist, dass Beschäftigte nur von zu Hause arbeiten. Dadurch leidet langfristig die Zusammenarbeit und die Integration der Betreffenden im Team.

Wenn Beschäftigte im Homeoffice eigenverantwortlicher arbeiten mussten, haben sie vielleicht auch das schätzen gelernt. Es ist dann zu überlegen, ob diese Arbeitsweise nicht auch bei der Rückkehr ins Büro aufrechterhalten werden kann. Hier müssen Führungskräfte möglicherweise also ihr Verhalten umstellen und eher zielorientiert führen.

 

Hier finden Sie weitere Informationen zum Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG).

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