#Nachgefragt: Umgang mit psychisch beeinträchtigten Beschäftigten - Ein Handlungsleitfaden für Führungskräfte

Im Interview mit Dr. Fritzi Wiessmann, Heike Merboth und Gudrun Wagner

Die nachfolgenden Fragen wurden von den Autorinnen der DGUV-Information 206-030 „Umgang mit psychisch beeinträchtigten Beschäftigten – Handlungsleitfaden für Führungskräfte“ Dr. Fritzi Wiessmann (Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation), Heike Merboth (ehemals Unfallkasse Sachsen) und Gudrun Wagner (Berufsgenossenschaft Holz und Metall) beantwortet. Dieser Handlungsleitfaden wurde im Fachbereich „Gesundheit im Betrieb“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V. (DGUV) erarbeitet.

Woran können Führungsverantwortliche psychische Gesundheitsbeeinträchtigungen ihrer Beschäftigten erkennen?

Verhaltensauffälligkeiten können sich in vielfältiger Weise zeigen und Signale dafür sein, dass Beschäftigte Probleme haben, psychisch beeinträchtigt oder gar erkrankt sind. Solche Veränderungen sind in der Arbeitsdisziplin, im Leistungs- und Sozialverhalten oder in anderen Auffälligkeiten zu beobachten. Beispiele für Verhaltensänderungen sind: häufige Arbeitsunterbrechungen, starke Leistungsschwankungen, ständiges eigenes Kontrollieren der ausgeführten Aufgaben, Meidung sozialer Kontakte im Arbeitskontext, Unzuverlässigkeit, andauernde Traurigkeit, Vernachlässigung von Kleidung und Körperpflege.
So wie sich gesunde Menschen in ihrem Verhalten voneinander unterscheiden, unterscheiden sich auch psychisch beeinträchtigte Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ihrem Verhalten.
Wichtig ist, dass Führungsverantwortliche Veränderungen bei einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter überhaupt erst einmal wahrnehmen. Das kann natürlich nur geschehen, wenn sie einen guten Kontakt zu ihrem Team haben.

Was können Führungsverantwortliche tun, wenn Sie Veränderungen bei einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter feststellen?

Sie sollten, ja Sie müssen das Gespräch suchen. Auch wenn solche Gespräche für beide Seiten in der Regel eher unangenehm sind, sind sie notwendig.
In einem Vieraugengespräch ist der oder dem Betroffenen mitzuteilen, welche Veränderungen die oder der Führungsverantwortliche wahrgenommen zu haben glaubt. Die Ursachen für das veränderte Verhalten können geklärt und das weitere Vorgehehen mit der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter besprochen werden.
Die Führungskraft kann auf innerbetriebliche Anlaufstellen wie Betriebsärztinnen und Betriebsärzte, soziale Beratungsstellen im Unternehmen, die Personalabteilung oder die Personalvertretung verweisen.
Externe Hilfen können Betroffene bei Fachärztinnen und Fachärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, in Beratungsstellen, bei der Telefonseelsorge oder in Selbsthilfegruppen erhalten. Auf jeden Fall sollte die Führungskraft mit der oder dem Betroffenen in Kontakt bleiben und einen Termin für ein zweites Gespräch nach vier bis sechs Wochen vereinbaren.
Führungskräfte müssen sich immer bewusst sein, dass sie für die Gesundheit ihrer Beschäftigten mitverantwortlich sind. Eine Krankheitsdiagnose stellen sie aber nicht!

Wie kann nach einer psychischen Erkrankung die Rückkehr einer oder eines Betroffenen in das Unternehmen erleichtert werden?

Fällt der oder die Betroffene mit einer Krankschreibung aus, gibt es danach – in Abhängigkeit von der Krankheitsdauer – folgende Möglichkeiten der Wiedereingliederung in das Unternehmen: das Krankenrückkehrgespräch, die stufenweise Wiedereingliederung (Hamburger Modell) und / oder das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM).
Zurückgekehrten Beschäftigten sollte die Möglichkeit gegeben werden, die Vorstellungen und Wünsche hinsichtlich der Arbeitstätigkeit, der Arbeitszeit und des sozialen Miteinanders zu äußern. Gegebenenfalls ist ein Arbeitsplatzwechsel innerhalb des Unternehmens in Betracht zu ziehen. Es empfiehlt sich für die Führungskraft, den Verlauf der Reintegration ins Team zu beobachten. Auftretende Schwierigkeiten im Arbeitsprozess und / oder eine Verschlechterung des Gesundheitszustands sollten von Betroffenen zeitnah mit der Führungskraft besprochen werden. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls bei psychisch erkrankten Mitarbeitenden nach neun bis elf Monaten am größten ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer länger währenden betrieblichen Begleitung nach Rückkehr in das Unternehmen.

 

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