#Nachgefragt: Null Verkehrsunfälle im Straßenverkehr – Ziel der Vision Zero

Im Interview mit Prof. Dr. Walter Eichendorf

Tagtäglich kommen Menschen auf den Straßen Deutschlands und Europas bei Verkehrsunfällen ums Leben. Zwar gab es in Deutschland aufgrund der Corona-Pandemie im ersten Halbjahr 2020 so wenige Verkehrstote wie nie seit der deutschen Wiedervereinigung. Dennoch sind wir nach wie vor weit von der Vision Zero – einem sicheren Straßenverkehrssystem ohne Schwerverletzte und Getötete - entfernt. Aktionen wie die Europäische Mobilitätswoche und die Roadpol Safety Days, die in diesem Jahr vom 16. bis 22. September stattfinden, wollen für Risiken im Straßenverkehr sensibilisieren und sicheres Verhalten fördern. Wir sprachen mit Prof. Dr. Walter Eichendorf, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR), über Wege, die Zahl der Verkehrtstoten zu minimieren, die besondere Schutzbedürftigkeit von Fußgängerinnen und Fußgängern und die Rolle von Arbeitgebenden und Führungskräften bei der Förderung der Verkehrsicherheit.

Herr Prof. Dr. Eichendorf, Ziel der Vision Zero sind keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr mehr. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das erste Halbjahr 2020 machen Mut. Haben wir es bald geschafft?

Ganz so optimistisch bin ich nicht. Die geringere Zahl getöteter und schwerverletzter Menschen im Straßenverkehr in diesem Jahr hängt stark mit der Corona-Pandemie und dem Lockdown im Frühjahr zusammen. Viele Menschen arbeiteten von zuhause aus, gingen seltener einkaufen, schränkten ihre Freizeitaktivitäten ein, nahmen also gar nicht am Straßenverkehr teil. Im nächsten Jahr können die Unfallzahlen wieder anders aussehen.

Wir sind also noch lange nicht am Ziel. Zudem ist die Vision Zero eine Strategie, die permanent verfolgt werden muss. Wir alle sind gefordert - die Politik, die Industrie, aber auch jeder und jede Einzelne - das Verkehrssystem stetig sicherer zu machen, so dass bei Unfällen niemand getötet oder schwer verletzt wird. Mit Blick auf die Getötetenzahlen im Radverkehr, die gegen den allgemeinen Trend stagnieren, haben wir zum Beispiel noch viel Arbeit vor uns. Das gilt auch für den Fußverkehr, der politisch und gesellschaftlich bisher nicht die Aufmerksamkeit erhielt, die er eigentlich verdient hätte.

Die Aufteilung des Straßenraums wird immer wieder heiß diskutiert – häufig wenn es um die Sicherheit von Radfahrenden geht. Wie sollte der Verkehrsraum am besten gestaltet werden, damit alle sicher ankommen?

In den vergangenen Jahrzehnten stand bei der Straßengestaltung der motorisierte Individualverkehr im Fokus. Das spiegelt sich auch in der Aufteilung des Straßenraums wider. Dabei haben natürlich alle Verkehrsteilnehmenden ein Recht, sicher anzukommen. Mit der Zunahme des Radverkehrs und auch der Zulassung von E-Scootern ist das Missverhältnis bei der Aufteilung des Straßenraums insbesondere in den Städten deutlich geworden.

Die Aufgabe für die Zukunft wird sein, Straßen von außen nach innen zu planen, zuerst die Sicherheit und damit auch den Platzbedarf der ungeschützten Verkehrsteilnehmenden ins Auge zu fassen und dann den motorisierten Verkehr. Für die verschiedenen Verkehre sollten zusammenhängende Netze geplant werden. Wenn möglich sollte der Radverkehr  getrennt vom motorisierten Verkehr geführt werden. Dazu werden gerade viele Möglichkeiten diskutiert: kurzfristig angeordnete geschützte Radfahrstreifen, das Kreuzungs-Design nach holländischem Vorbild und getrennte Ampelphasen vor allem  bei Kreuzungen mit Rechtsabbiegern. Ich finde es gut, dass sich Kommunen in Deutschland trauen, diese Ideen auszuprobieren, um dann voneinander zu lernen.

Fußgängerinnen und Fußgänger werden dabei gern vergessen. Warum sollte man sie unbedingt stärker in den Blick nehmen?

Wir alle sind jeden Tag zu Fuß unterwegs, sei es, um zur Haltestelle zu kommen, vom Parkplatz ins Büro oder zum Supermarkt. Fußverkehr ist selbstverständlich. Was viele vergessen: Bis 2019 kamen pro Jahr mehr Menschen im Fußverkehr ums Leben als im Radverkehr! Betroffen sind besonders ältere Menschen im Alter von 65 Jahren und älter. Unsere Gesellschaft altert, doch von sicherer Infrastruktur, die für ältere Menschen und Verkehrsteilnehmende mit Gehhilfen oder Kinderwagen gut ist, profitieren alle.

Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir mehr Querungshilfen, also Zebrastreifen, Ampeln oder Mittelinseln brauchen, die es erlauben, zu Fuß sicher Straßen zu überqueren. Auch die Dauer der Grünphasen bei Ampeln sollte von den Kommunen geprüft werden. Nicht immer reicht sie, um sicher die Straße zu überqueren. Die Digitalisierung leistet häufig eine gute Hilfestellung, um herauszufinden, wo Querungen nötig sind. Die Stadt Lemgo misst Fußverkehrsströme zum Beispiel digital und will die Ergebnisse für die Stadtentwicklung nutzen.
Hamburg testet außerdem gerade eine „vehicle to x-Kommunikation“, mit der Ampelphasen besser und auch fußverkehrsfreundlich gesteuert werden können.

Wenn wir daran denken, dass wir uns in der Regel mindestens zweimal täglich mehr oder weniger lang durch den Verkehr quälen – einmal hin zur Arbeit und wieder zurück nach Hause. Welche Rolle spielen eigentlich Arbeitgebende und Führungskräfte beim Thema Verkehrssicherheit?

Arbeitgebende haben immer eine Vorbildfunktion, sie sollten sich an die Verkehrsregeln halten, egal ob sie mit dem Auto, Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind. Gleichzeitig obliegt es ihnen, z.B. über interne Schulungen oder auch Sicherheitstrainings, auf verschiedene Risiken im Straßenverkehr hinzuweisen und die Beschäftigten aufzuklären. Aktuell spielt das Thema Ablenkung durch Smartphones eine große Rolle. Wir alle wissen, wie schnell und gern wir zum Handy greifen. Besonders wenn der oder die Vorgesetzte anruft oder eine Nachricht sendet. Doch dadurch risikieren wir Verkehrsunfälle. Für einen sicheren Weg zur Arbeit könnte deshalb bspw. eine Betriebsvereinbarung helfen, die besagt, dass man auf dem Weg von und zur Arbeit und auf Dienstwegen, die man mit dem Auto, Rad, E-Scooter oder zu Fuß zurücklegt, das Smartphone nicht nutzen muss – auch dann nicht, wenn die Chefin anruft. Die muss dafür wiederum Verständnis haben.

Und was können wir selbst dazu beitragen, dass wir irgendwann keine Getöteten oder Schwerverletzten mehr im Straßenverkehr haben?

Im Prinzip sagt der Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung, was zu tun ist: Gegenseitige Rücksichtnahme! Das heißt: Alle sind gefordert, sich an die Verkehrsregeln zu halten und sich so zu verhalten, dass die anderen Verkehrsteilnehmenden erkennen können, dass man z.B. abbiegen möchte. Eine häufige Unfallursache im Radverkehr ist übrigens die falsche Straßenbenutzung.

Gleichzeitig sollten wir alle umsichtig sein und Verständnis füreinander aufbringen. Jeder Mensch macht einmal einen Fehler. Damit müssen wir rechnen und aufmerksam bleiben. Zudem kann man sich auch einmal defensiv verhalten. Niemand hat etwas davon, wenn man sein Recht durchsetzt, aber letztlich einen Unfall riskiert. Wenn wir alle uns das immer wieder bewusst machen und danach handeln, bin ich sicher, dass wir die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten senken können.

Zur Bestellliste hinzugefügt
zur Bestellübersicht (0)