#Nachgefragt: „Die Arbeit macht viel mehr Freude, wenn man sie aktiv gestalten und etwas verändern kann.“

Im Interview mit Dr. Gabriele Obst
Teil 2: Zusammenhalt

Portrait von Dr. Gabriele Obst in einer blau umrandeten Sprechblase auf weißem Grund © DGUV / Jens Schulze

18.11.2021

Während der Corona-Pandemie tragfähige Netzwerke knüpfen und ausbauen – dafür wurde das Evangelische Gymnasium Nordhorn mit dem Deutschen Schulpreis Spezial 20|21 ausgezeichnet. Doch auch auf das Gemeinschaftsleben an der Schule wurde trotz Einschränkungen großer Wert gelegt. Wie es gelang, während der Pandemie den Kontakt untereinander aufrechtzuerhalten und Schülerschaft wie Kollegium zu motivieren, darüber spricht Schulleiterin Dr. Gabriele Obst in Teil 2 des #Nachgefragt-Interviews.

Frau Dr. Obst, im ersten Teil unseres Interviews haben Sie erläutert, welche Netzwerke Sie genutzt haben, um den Unterricht auch während der Pandemie aktiv zu gestalten. Wie haben Sie es geschafft, das Kollegium bei allen Neuerungen mitzunehmen und zu motivieren?

Dass das so gut geklappt hat, lag sicherlich daran, dass wir in der anfangs eingerichteten Taskforce ganz unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen eingebunden haben, die die Lösungen miteinander entwickelt haben. Dabei waren digitale Formate für unsere Lehrkräfte nichts Neues. Wir haben uns schon lange vor der Pandemie sehr intensiv damit befasst. Beispielsweise war bereits ein gesamter Jahrgang als Tablet-Klasse eingerichtet, sodass die Schülerinnen und Schüler schon mit digitalen Formaten vertraut waren. Außerdem nutzen wir seit 2011 eine Online-Schulplattform. Wir hatten also schon alle E-Mail-Adressen der Schülerinnen und Schüler und selbstverständlich auch die der Kolleginnen und Kollegen. Ebenso waren wir die Arbeit mit geteilten Dateien gewohnt. Das ist bestimmt nicht an jeder Schule so, für uns aber überhaupt kein Thema. Wir haben allerdings auch neue Funktionen der Schulplattform zu nutzen gelernt wie beispielsweise das Videomodul oder das Aufgabenmodul.

Wie ist es Ihnen gelungen, das Gemeinschaftsgefühl der Schülerinnen und Schüler während der Pandemie und aus der Distanz heraus aufrechtzuerhalten?

Wir haben einfach alles beibehalten, was das Gemeinschaftsgefühl der Schule auch bisher getragen hat. Seit Pandemiebeginn haben wir unsere wöchentlichen Andachten digital durchgeführt. Das war sehr berührend, denn einige Eltern haben plötzlich gemeinsam mit ihren Kindern an der Andacht teilgenommen. Wir haben aber auch unser Sportfest digital veranstaltet. Die Schülerinnen und Schüler haben verschiedene Dinge sportlich ausprobiert und sich dabei gefilmt. Die beste Klasse wurde am Ende prämiert. Am letzten Schultag vor Weihnachten ist der so genannte Baumumgang bei uns Tradition. In der Mensa steht dann ein Weihnachtsbaum, um den alle Klassen singend herumgehen. Auch diesen Tag haben wir digital begangen.

Im Fernunterricht selbst haben wir Freiräume für die Schülerinnen und Schüler geschaffen, in denen sie miteinander lernen konnten und wir uns als Lehrkräfte auch mal zurückgezogen haben. Da werden die Kinder sicherlich nicht nur gelernt, sondern sich auch erzählt haben, was sie bewegt hat. Und das ist völlig in Ordnung.

Wie haben Sie sonst noch sichergestellt, dass einzelne Kinder und Jugendliche während der Zeit des Distanzunterrichts nicht auf der Strecke bleiben?

Dabei haben uns Lehrkräfte vor allem die älteren Schülerinnen und Schüler unterstützt. In Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung haben sie eine Lernbegleiter-Ausbildung absolviert und jüngeren Schülerinnen und Schülern, die deutliche Schwierigkeiten hatten, beigestanden und mit ihnen gemeinsam gelernt. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass sich die Älteren auf diese Weise ausprobieren und beispielsweise feststellen konnten, ob der Lehrberuf später etwas für sie ist.

In der neunten Klasse absolvieren Schülerinnen und Schüler Ihrer Schule über ein ganzes Jahr ein obligatorisches sozial-diakonisches Praktikum. Wie konnte das während der Pandemie aufrechterhalten werden?

Bis zum Beginn der Pandemie gingen die Jugendlichen zwei Stunden pro Woche beispielsweise in integrative Kindergärten, Alten- und Pflegheime, zur Tafel, in die Flüchtlingshilfe, in Einrichtungen für Obdachlose oder für Menschen mit Behinderungen. Das Ziel des Praktikums ist, den Umgang mit Menschen zu lernen, die es aus verschiedenen Gründen nicht leicht haben. Eine unheimliche Chance für die Jugendlichen, die während dieses Jahres sehr an der Herausforderung reifen. Während der Pandemie ging all das natürlich nicht. Wir fanden aber: Gerade jetzt müssen die Schülerinnen und Schüler erleben, dass sozialer Zusammenhalt wichtig ist. Also haben wir das Konzept einfach umgestellt. Die Jugendlichen waren beispielsweise als Einkaufshelfer tätig, einige haben ein Balkonkonzert für ältere Menschen gegeben. Andere haben Weihnachtspäckchen für die Gemeindemitglieder gepackt – insgesamt 3.000 Stück. Manche unserer Schülerinnen und Schüler machen diesen Dienst an der Gemeinschaft bis heute. Zum Teil sind intensive Beziehungen zwischen den Helfenden und jenen, denen geholfen wurde, entstanden.

Sie sind seit zehn Jahren Schulleiterin des Evangelischen Gymnasiums Nordhorn. Was haben Sie für sich persönlich aus der Zeit der Pandemie mitgenommen?

Viele meiner Schulleiterkolleginnen und -kollegen empfanden es als Nachteil, dass sie so wenige Vorgaben zur Schulgestaltung von oben bekommen haben und wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Ich fand das großartig. Die Arbeit macht viel mehr Freude, wenn man sie aktiv gestalten und etwas verändern kann. Ich wünsche mir, dass das in Deutschland zukünftig viel häufiger möglich ist.

Portrait von Dr. Gabriele Obst in einer Sprechblase auf blauem Grund

#Nachgefragt: „Schule muss nicht durchgehend in Präsenz stattfinden, um gut zu sein.“

11.11.2021

In der Hochphase der Corona-Pandemie war in vielen Schulen Deutschlands normaler Unterricht kaum möglich. Das Evangelische Gymnasium Nordhorn sah diese Zeit als Chance, die schulische Arbeit neu zu denken. Mit Engagement, Kreativität und gutem Networking ermöglichte die Schule ihren Schülerinnen und Schülern auch in der Zeit der Schließung ein umfangreiches unterrichtliches und außerunterrichtliches Angebot. Für seine innovativen Konzepte im Umgang mit der Corona-Krise wurde das Gymnasium mit dem Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial ausgezeichnet.

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