#Nachgefragt: Nachhaltigkeit im Unternehmen

Im Interview mit Dr. Maria Klotz

Portrait von Maria Klotz in einer blau umrandeten Sprechblase auf weißem Grund

08.09.2021

Nachhaltigkeit gewinnt auch in Unternehmen immer mehr an Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um ökologische Aspekte und Umweltbewusstsein, sondern beispielsweise auch um Personalmanagement – Nachhaltigkeit hat viele Dimensionen. Wir sprachen mit Dr. Maria Klotz, Referentin für Evaluation und betriebliches Gesundheitsmanagement des Instituts für Arbeit und Gesundheit der DGUV.

Wieso gewinnt das Thema Nachhaltigkeit auch am Arbeitsplatz zunehmend an Bedeutung?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen fordern es immer mehr Beschäftigte ein, nicht mehr nur die Millennials oder auch Generation Y, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden. Vor allem für jene, die schon im Privaten viel umsetzen, ist es wichtig, dass das eigene Unternehmen Nachhaltigkeit strategisch angeht (Stichwort: Employer-Branding). Zum anderen fordern auch andere Stakeholder nachhaltiges Wirtschaften zunehmend ein wie z. B. Fachkräfte, Partnerunternehmen, Versicherungen und Investmentfirmen. Viele Unternehmen haben erkannt, dass ein „weiter so“ wie bisher nicht zukunftsfähig ist, da unsere Welt nicht über unendliche Ressourcen verfügt. Daher müssen wir es schaffen, unsere ökologischen Systeme global und dauerhaft zu erhalten, nur dann können wir unser Wirtschafts- und Sozialsystem stabilisieren und weiterentwickeln.

Nachhaltigkeit wird in erster Linie mit Umweltbewusstsein verbunden. Welche Formen der Nachhaltigkeit gibt es, die vor allem in Unternehmen von Bedeutung sind?

Man unterscheidet bei der Nachhaltigkeit die drei Dimensionen: Soziales, Ökologie und Ökonomie. Wenn wir uns mit dem Thema Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz beschäftigen oder auch mit Unternehmens- und Führungskultur, dann sind das alles Themen der sozialen Nachhaltigkeit. Die soziale Nachhaltigkeit zielt auf die Stabilität der Gesellschaft ab. Von großer Bedeutung sind hier Rechte, Werte und Individualität des Menschen.

Die drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung müssen aber gleichrangig zusammengeführt werden. Die ökologische Nachhaltigkeit ist dabei von zentraler Bedeutung, da der Mensch ohne funktionierende Ökosysteme keine Lebens- und Arbeitsgrundlage hat.

Bisher stand die Ökonomie bei vielen Unternehmen im Vordergrund. Der Mensch und die Umwelt wurden als Mittel betrachtet, um Gewinn zu erwirtschaften. Zu beobachten ist derzeit ein Paradigmenwechsel. In der sogenannten systemischen Wertschöpfung wird finanzielle Wertschöpfung mit der Verbesserung sozialer und ökologischer Systeme in Einklang gebracht. Nur wenn die ökologischen Grundlagen erhalten werden, kann die Stabilität der Gesellschaften gewährleistet werden, da sie notwendig auf die ökologischen Ressourcen zugreifen müssen. Unternehmen wiederum sind in die Gesellschaft eingebettet und dieser verpflichtet.

Spannend sind in diesem Zusammenhang die Ansätze der sogenannten Gemeinwohl-Ökonomie, die davon ausgeht, dass die Wirtschaft dem Leben dienen sollte und nicht umgekehrt. Herzstück ist die Gemeinwohl-Bilanz, welche bereits von vielen Unternehmen umgesetzt wird (z. B. vom Outdoor-Anbieter Vaude, von der Krankenkasse BKK ProVita, vom Ökostrom-Anbieter Polarstern, vom Bio-Anbauverband Bioland oder vom Trinkflaschen-Hersteller Soulbottles).

Peter Drucker, ein Pionier der modernen Managementlehre, meinte, dass jedes ungelöste gesellschaftliche oder globale Problem nichts anderes als eine große unentdeckte Marktchance sei. Es geht darum, sich von Produkt und Besitz zu lösen und sich mehr an gesellschaftlichen bzw. ökologischen Bedürfnissen zu orientieren. Vielleicht mal zwei Beispiele dazu. Es geht nicht um den Verkauf von Autos, sondern wie die Frage der Mobilität gelöst werden kann. Es geht nicht darum, Versicherungen zu vermitteln, sondern Menschen im Umgang mit Risiken zu unterstützen und Prävention zu betreiben.

Was könnte ein langfristiges Ziel sein, um Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz zu integrieren?

Wichtig ist es, dass Thema systematisch anzugehen, das heißt Nachhaltigkeit mit den Unternehmenszielen zu verknüpfen und sie in alle Geschäftsprozesse zu integrieren. Das gelingt am besten mit einer Ist-Stand-Analyse der drei Nachhaltigkeitsdimensionen. Hier gibt es mittlerweile viele Beratungsangebote, die bei der Reflexion des Kerngeschäfts unterstützen und eine sogenannte Wesentlichkeitsanalyse anbieten. Für Unternehmen bedeutet das, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie ihre Unternehmensstrategie so optimieren können, dass sie eine positive Auswirkung auf Umwelt und Gesellschaft haben. In Fachkreisen der Nachhaltigkeit wird immer wieder betont, wie wichtig eine strategische Herangehensweise ist, da sonst die Gefahr des „Greenwashings“ (Unternehmen, die nur auf ein gutes Image aus sind, ohne dass es dafür eine hinreichende Grundlage gibt) oder des „too little“ (zu wenig tun) bzw. des „too late“ (zu spät etwas tun) besteht.

Natürlich müssen aber auch die politischen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass sie diese Transformation unterstützen. Hier lohnt sich ein Blick in die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen 2015 in der Agenda 2030 beschlossen haben. Auch Deutschland erstellt jedes Jahr einen Nachhaltigkeitsbericht, wie es um die Erfüllung dieser Ziele und ihrer 169 Unterziele steht.

Wo können Unternehmen vielleicht trotzdem etwas tun, und schon im Kleinen ansetzen, um nachhaltiger zu handeln?

Ziel eines jeden Unternehmens sollte es sein, die drei Nachhaltigkeitsdimensionen bei jedem Arbeitsschritt, in jedem Bereich und jeder Abteilung mitzudenken. Die Handlungsfelder der Kampagne bieten hier einen guten Rahmen für die soziale Nachhaltigkeit. Bei unserer Ist-Analyse im IAG haben wir uns beispielsweise folgende Indikatoren angeschaut: Vorhandensein eines betrieblichen Gesundheitsmanagements und der Gefährdungsbeurteilung sowie Sozialeinrichtungen, Leitlinien, Betriebsvereinbarungen, Managementsystemen für Sicherheit und Gesundheit, durchschnittliche Weiterbildungstage sowie die Art der Mitbestimmung. Kann ein Unternehmen nicht gleich mit einer systematischen Analyse einsteigen, könnten einige Maßnahmen auch sofort umgesetzt werden z. B. den Beschäftigten Möglichkeiten für informellen Austausch bieten, regelmäßige Team- oder Bereichsbesprechungen, Beschäftige in bestimmte Prozesse der Organisationsentwicklung einbeziehen, soziale Unterstützung durch Vorgesetzte sowie Informationen transparent zur Verfügung stellen und versuchen Fehler als Chance und Lernmöglichkeiten zu sehen.

Bei der ökologischen Nachhaltigkeit könnte man beispielsweise einen Ökostromanbieter auswählen, der sich für den Ausbau von erneuerbarer Stromerzeugung einsetzt, oder eine nachhaltige Suchmaschine, wie Ecosia als Standard einstellen. Einige große Unternehmen, wie DB Schenker oder die METRO AG, haben dies schon getan. Ecosia ist ein schönes Beispiel dafür, wie das Kerngeschäft neu gedacht werden kann, denn der Zweck der Firma ist nicht rein die ökonomische Geldvermehrung, sondern das Eindämmen des Klimawandels durch das Pflanzen von Bäumen aus den Gewinnen.

Eine weitere Möglichkeit im Kleinen zu beginnen, besteht in einer Pausenversorgung, die saisonal, regional, biologisch erzeugt und vorwiegend pflanzlich ist. Das ist – nebenbei – auch gut für die Gesundheit der Beschäftigten. Auch das Deklarieren des CO2-Verbrauch beim Essen ist möglich, um für das Thema zu sensibilisieren. Des Weiteren können Unternehmen beim Thema Mobilität aktiv werden, indem die Nutzung von ÖPNV oder dem Rad unterstützt oder das Arbeiten im Homeoffice ermöglicht wird.

Was kann jede und jeder einzelne von uns zu dem Thema beitragen?

Wir alle sind Teil der Gesellschaft, hier haben wir verschiedene Rollen (z. B. Mutter, Beschäftigte, Ehrenamtliche, Konsumentin, Wahlberechtigte) in all diesen verschiedenen Bereichen können wir versuchen sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig zu agieren. Im Betrieb können wir beispielsweise unsere Arbeitsweisen und unser Verhalten gegenüber Kolleginnen und Kollegen hinterfragen. Für die soziale Nachhaltigkeit bedeutet das beispielsweise arbeiten wir transparent, partnerschaftlich und bedarfsgerecht? Sind wir wertschätzend in unserer Kommunikation? Teilen wir Informationen, die für andere wichtig sein könnten und wie gehen wir mit Fehlern um? Bedenken wir Inklusion und Barrierefreiheit?

Dann gibt es natürlich Aspekte, die sowohl gut für die Umwelt, als auch unsere eigene Gesundheit sind, wie weniger Fleisch essen oder mehr Rad fahren und laufen. Auch bei jeder Dienstreise kann überlegt werden, ob diese überhaupt notwendig ist und welches Verkehrsmittel für die Reise das ökologischste wäre.

Die drei Bereiche von Nachhaltigkeit sind oft eng miteinander verknüpft, so sind viele ressourcenschonenden Verhaltensweisen nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch. Leider belohnt unser Wirtschaftssystem nachhaltiges Verhalten derzeit noch nicht ausreichend. So sind z. B. regionale, unverpackte Bio-Lebensmittel oftmals teurer als konventionelle Lebensmittel. Die wahren Kosten, welche soziale und Umweltkosten mit einrechnen, zeigen allerdings ein anderes Bild (z. B. Ökotest Ausgabe 7/2021). Daher sollten wir zum einen bewusst und achtsam konsumieren (Benötige ich das jetzt wirklich? Bekomme ich das auch irgendwo gebraucht?) und zum anderen die „wahren Kosten“ nicht vergessen. Oft hört man das Argument „Ich allein kann ja sowieso nichts ausrichten.“ Aber jede Kaufentscheidung ist eine Art Stimmzettel, und das kommt auch bei den Herstellern an. Wem das nicht genug ist, der hat heute viele Möglichkeiten, sich sozial, politisch bzw. für die Umwelt zu engagieren (z. B. Petitionen unterschreiben und verfassen, sich an Bürgerräten beteiligen bzw. überparteiliche Abstimmungen zu unterstützen).

Die Frage, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen könnte, kann mit einem Gedankenexperiment des Philosophen John Rawl ziemlich gut ergründet werden. Er schlägt vor, dass wir alle den „Schleier des Nichtwissens“ anlegen. Schließt eure Augen und stellt euch vor, ihr hättet alle Macht, die Welt so zu verändern, wie ihr wollt, und eine neue Gesellschaftsordnung zu erschaffen. Die einzige Bedingung: Wir wissen nicht, mit welchem Geschlecht, welcher Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, sozialem Staus, etc. wir wieder in diese neue Ordnung zurückkehren. Wir könnten als Jeff Bezos wiederkommen, aber viel wahrscheinlicher ist, dass wir bei derzeit 7,6 Milliarden Menschen als Reisbäuerin in China oder Tagelöhner in Indien zurückkommen. Wie würdest du diese Welt unter diesen Bedingungen gestalten?

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