#Nachgefragt: Präventionskampagne kommmitmensch

Im Gespräch mit dem Kampagnenteam

Portraits des kommmitmensch Kampagnenteams in einer blauen Sprechblase auf weißem Grund © DGUV

16.12.2021

Die Kampagne zur Kultur der Prävention hatte zum Ziel, die Führungsebene und die Beschäftigten in Unternehmen und in Bildungseinrichtungen dafür zu begeistern, Sicherheit und Gesundheit als zentrale Werte bei allen Entscheidungen und Aktivitäten zu berücksichtigen. Die gemeinsame Kampagne der Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung wird nun zum 31. Dezember 2021 beendet. Konnte sie eine nachhaltige Kultur der Prävention etablieren? Wie wurden die Medien und Handlungshilfen angenommen? Und wie geht es mit dem wichtigen Themenkomplex „Kultur der Prävention“ weiter? Dazu haben wir mit einigen Personen aus dem Kampagnenteam gesprochen.

Hat die Kampagne ihre Ziele erreicht bzw. wie bewerten die Zielgruppen den Nutzen?

Marlen Rahnfeld, Referentin im Bereich Evaluation und Betriebliches Gesundheitsmanagement, Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG)

Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass Betriebe und Einrichtungen die Themen „Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz“ wichtig finden und sich eine Präventionskultur gut mit systematischen Ansätzen im Arbeitsschutz verknüpfen lässt. In einer Reihe von Betrieben hat die Kampagne als „Beschleuniger“ gewirkt, Veränderungsprozesse anzustoßen oder sie wurde gezielt mit vorhandenen Maßnahmen im Betrieb verknüpft. Wer sich intensiv mit den Handlungsfeldern der Kampagne im Unternehmen bzw. in der Einrichtung beschäftigt, bewertet die Materialien der Kampagne als hilfreich. Besonders das Workshop-Tool „kommmitmensch-Dialoge“ ist gut bekannt und wird nach dem Einsatz von der Mehrheit der Befragten als nützlich eingeschätzt. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass die breite Umsetzung der Kampagne kommmitmensch in der Praxis und das Erreichen der verschiedenen Zielgruppen nur zu einem Teil gelungen ist.

In einem bald erscheinenden IAG-Report können das methodische Vorgehen sowie die zentralen Ergebnisse der umfangreichen Evaluation der Kampagne nachgelesen werden und es werden darin auch Schlussfolgerungen für zukünftige Kampagnen gezogen.

Mit welchen Medien und Maßnahmen wurden die Betriebe unterstützt und werden bewährte Instrumente auch zukünftig angeboten?

Dr. Marlen Cosmar, Leiterin der Stabsstellen und Referentin der Institutsleitung, Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV (IAG)

Wir haben im Rahmen der Kampagne angestrebt den Betrieben und Einrichtungen Handlungshilfen an die Hand zu geben, mit denen sie selbstständig einzelne Aspekte ihrer Kultur oder auch die Kultur der Prävention als Ganzes zusammen bearbeiten können. Dafür stehen die kommmitmensch-Dialoge, der KulturCheck, die Handlungsfeldbroschüren sowie die Praxishilfen zur Verfügung. Alle diese Instrumente werden auch nach dem Ende der Kampagne weiterhin verfügbar sein. Dafür wird auf der DGUV-Seite unter der Rubrik „Vision Zero“ gerade ein Angebot eingerichtet. Einzelne Sachgebiete der DGUV werden dorthin verlinken. Das Sachgebiet „Veränderung der Arbeitskulturen“ sowie das IAG werden diese Inhalte im Weiteren verwalten. Die Angebote zum Bildungsbereich werden zukünftig durch den Fachbereich Bildungseinrichtungen gesondert angeboten und angepasst.

Unsere Dialoge müssen wir nun umbenennen, sie werden dann „Kultur-Dialoge: Prävention“ heißen.

Laut Evaluation werden u.a. die „kommmitmensch-Dialoge“ gut genutzt und positiv bewertet. Was ist das Besondere an diesem Instrument?

Lisa Maser, Referentin im Referat Veranstaltungen und Kampagnen, DGUV

Die kommmitmensch-Dialoge sind ein interaktives Tool, das spielerisch den Einstieg in das Gespräch über Sicherheit und Gesundheit erleichtert. Mithilfe der in den Dialogboxen enthaltenen Dialogkarten werden die Beschäftigten angeregt, über ihren eigenen Arbeitsalltag nachzudenken und darüber zu sprechen. Die Karten beschreiben auf einer fünfstufigen Skala von gleichgültig bis wertschöpfend eine typische Verhaltensweise. Illustriert wird das Ganze mit einer anschaulichen Karikatur. Der Dialog kann in sechs Handlungsfeldern geführt werden: Führung, Kommunikation, Fehlerkultur, Beteiligung, Betriebsklima und Sicherheit und Gesundheit. Nach dem gleichen Prinzip können auch eigene Themen diskutiert werden. Nach dem Gespräch darüber, wie der Arbeitsalltag wahrgenommen wird, werden gemeinsam Lösungsideen entwickelt und konkrete Maßnahmen vereinbart, die Sicherheit und Gesundheit im Arbeitsalltag fördern. Es hat sich gezeigt, dass insbesondere der spielerische Ansatz die Beschäftigten zur Mitarbeit anregt. Sie erleben, dass die Themen Sicherheit und Gesundheit Spaß machen können und ihre Beteiligung gewünscht ist – das spornt an, die Themen zukünftig häufiger in den Blick zu nehmen.

Wie wurden die Kampagnenthemen den Bildungseinrichtungen nähergebracht? Haben Kitas, Schulen und Universitäten nicht ganz andere Bedürfnisse als die betriebliche Arbeitswelt?

Supavadi Reich, Referentin im Referat Veranstaltungen und Kampagnen, DGUV

Die Präventionskampagne hat dazu beigetragen, dass das Thema Sicherheit und Gesundheit auch in Bildungseinrichtungen weiter in den Fokus gerückt ist und Prävention als ganzheitlicher Ansatz beleuchtet wurde. Natürlich haben die Bildungseinrichtungen oftmals andere Themenschwerpunkte und Bedürfnisse als Betriebe. Daher wurden wir im Rahmen der Kampagne auch durch Expertinnen und Experten für Bildungseinrichtungen in der fachlichen Arbeit unterstützt.

Die Beendigung der Präventionskampagne bedeutet aber nicht, dass das Thema Kultur der Prävention und der damit einhergehenden Organisationsentwicklung an Bedeutung verliert. Ganz im Gegenteil – der Impuls und die Aufmerksamkeit wurde mit Hilfe der Kampagne darauf gelenkt, das Thema fachlich wie auch strategisch in die weitere Präventionsarbeit sinnvoll zu integrieren.

Unter anderem werden auch die zuvor erwähnten Dialoge im Bildungsbereich unter dem Namen Dialoge zur sicheren und gesunden Kita/ Schule sowie Hochschule erhalten bleiben und als bewährtes Tool zur Förderung der Kultur der Prävention in Bildungseinrichtungen weiter zur Verfügung stehen.

Um die Zielgruppen im Bildungsbereich zu erreichen, wurden auch kommunikativ Arbeitsschutzthemen, die insbesondere im Bildungsbereich relevant sind, aufbereitet. Über unterschiedliche Aktionen, Messen und Kongresse wie z.B. didacta oder Schulleiterkongresse konnten wir hierdurch die entscheidenden Zielgruppen erreichen. Nicht zuletzt auch über Themenwochen wurden Themen wie z.B. Schulsport und Bewegung aufgegriffen.

In der Pandemie hat die Kampagne unter dem Claim „Arbeitsschutz ist Gesundheitsschutz“ Handlungshilfen entwickelt und Social-Media-Aktionen initiiert. Wie ist dazu die Resonanz?

Carla Bormann, Referentin im Referat Veranstaltungen und Kampagnen, DGUV

Mit dem Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie stellten sich auch der Präventionskampagne kommmitmensch neue Herausforderungen. Betriebe, Bildungseinrichtungen und öffentliche Einrichtungen benötigten dringend praxisnahes Informationsmaterial und branchenspezifische Handlungsempfehlungen zum Umgang mit dem Infektionsrisiko. Deshalb wurden kurzfristig Materialien, Plakate und Anzeigenmotive entwickelt sowie die erste „Mini-Kampagne“ #MaskeTragen ins Leben gerufen. Über soziale Medien und Internetangebote waren in Zeiten des Lockdowns viele Beschäftigte, Lehrkräfte, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler am besten erreichbar. Es folgten Aktionen zu den Themen #LüftenHilft,  #ImpfenSchützt, #TestenHilft. Mit Typomotiven und Typovideos wurden die Themen in den sozialen Medien platziert. Für #ImpfenSchützt trugen die BG Kliniken, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen mit authentischen Testimonials bzw. persönlichen Statements der Fürsprecherinnen und Fürsprecher zum Erfolg bei. Die „Mini-Kampagnen“ werden auch künftig fortgesetzt.

Dominik Haag, Referent im Referat Soziale Medien, DGUV

Die Evaluationsergebnisse zeigen eine hohe Reichweite der Aktionen und vor allem auch gute Interaktionswerte. In rund sieben Monaten (8. März bis 4. Oktober 2021) wurden für #ImpfenSchützt und #TestenHilft mehr als 8.1 Millionen Seitenaufrufe in den Social-Media-Kanälen gezählt. Es gab auch kritische Stimmen zur Impfung im Allgemeinen, Ärger über die mangelnde Verfügbarkeit der Impfstoffe, negative Kommentare zur Sicherheit von Impfungen oder Testergebnissen. Doch hielten sich die kritischen Äußerungen sehr in Grenzen. Dazu trug sicherlich die sensible und authentische Ansprache bei – ebenso wie die guten Argumente und Verweise auf die wissenschaftlichen Fakten. Die Aktionen haben sich bewährt, weil Sorgen und Zweifel ernst genommen und manchmal auch ausgeräumt werden konnten. Dass viele Versicherte zielgenau und praxisnah im beruflichen Kontext erreicht werden konnten, zeigen auch die hohen Nutzungszahlen von Handlungshilfen wie z.B. „Die 10 W-Fragen auf dem Weg zur Impfung: Impfen wirkt – warum ich mich jetzt gegen COVID-19 impfen lassen sollte“ (verfügbar in 19 Sprachen).

Wie lautet Ihr persönliches Fazit der Kampagne kommmitmensch?

Gregor Doepke, Leiter Stabsbereich Kommunikation und Pressesprecher, DGUV

Wir hatten uns vorgenommen, mit der Kampagne die Kultur der Prävention vor allem in kleinen und mittleren Betrieben zu verändern und unterschiedliche Zielgruppen zum Mitmachen zu bewegen. Flächendeckend haben wir das aber nicht erreicht. Der Anspruch war zu groß. Es spricht viel dafür, dass dies auch daran lag, dass jedes der sechs Handlungsfelder wie beispielsweise Führung, Kommunikation oder Fehlerkultur bereits allein eine Kampagne hätte ausfüllen können.

Trotzdem ist die Kampagne relevant, denn sie hat das Thema Kultur der Prävention in den Betrieben und Bildungseinrichtungen vorangebracht und uns deutlich gemacht, was realistischerweise geht und was nicht. Das Bewusstsein für das Thema hat sich verbessert. Wir wissen, dass in den Betrieben, in denen die Kampagne angekommen ist, auch tatsächlich mit den Materialien gearbeitet wird. Die Nachfrage nach Handlungshilfen ist groß und wird auch künftig – nach Abschluss – noch bedient.

Für die Zukunft sollten wir uns bei Präventionskampagnen aber an das Motto halten: „Weniger ist mehr!“ Wir sollten uns klarer fokussieren und Themen vereinfachen. Dass wir das können, haben wir in der Corona-Krise bewiesen und sehr schnell viele konkrete Unterstützungsangebote für Betriebe und Bildungseinrichtungen sowie kreative „Mini-Kampagnen“ für die sozialen Medien entwickelt. Damit konnten wir konkret helfen, was ich durchaus als Erfolg verbuchen würde.

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