#Nachgefragt: Handlungsempfehlungen für die Suchtprävention in der Arbeitswelt

Im Interview mit Dr. Birgit Pavlovsky, Dr. Sabine Schreiber-Costa und Gudrun Wagner

03.03.2021

Durch grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt ist es notwendig geworden, sich verstärkt auch mit der psychischen Gesundheit der Beschäftigten auseinanderzusetzen. Dazu zählt auch der Umgang mit Suchtmitteln, wie etwa Alkohol. Eine Aufgabe der Führungsverantwortlichen ist es, den Mitarbeitenden im Rahmen der Fürsorgepflicht Hilfen und Unterstützung anzubieten und präventiv zu handeln.

Die nachfolgenden Fragen wurden von den Autorinnen der DGUV-Information 206-009 „Suchtprävention in der Arbeitswelt – Handlungsempfehlungen“ Dr. Sabine Schreiber-Costa (Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie), Gudrun Wagner (Berufsgenossenschaft Holz und Metall) sowie Dr. Birgit Pavlovsky (Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft) beantwortet. Diese DGUV-Information wurde im Fachbereich „Gesundheit im Betrieb“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V. (DGUV) erarbeitet.

Warum ist Suchtprävention in der Arbeitswelt so wichtig?

Nach wie vor ist der Umgang mit Suchtmitteln bei der Arbeit ein erstzunehmendes Problem, das mit der Corona-Krise stetig gewachsen ist. So ist beispielsweise der Verkauf von Alkohol im Jahr 2020 stark angestiegen. Die Anzahl der Menschen mit einem Suchtproblem hat zugenommen und ehemals Abhängige sind rückfällig geworden. Die von Suchtmittelmissbrauch betroffenen Beschäftigten gefährden im Arbeitsalltag nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Ihre Arbeitsleistungen verringern und ihr Sozialverhalten verändert sich. Oft haben sie erhöhte Fehlzeiten. Bei den Suchtmitteln steht an erste Stelle der Alkoholmissbrauch. Darüber hinaus spielen aber auch Aufputsch- oder Beruhigungsmittel bzw. illegale Drogen eine Rolle. Wenn bei Beschäftigten Auffälligkeiten auftreten, d. h. sie verhalten sich anders als von ihnen gewohnt, müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Führungskräfte aufgrund ihrer Fürsorgepflicht und Führungsverantwortung handeln.

Was können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Führungskräfte präventiv tun?

Wichtig ist, das Thema Suchtmittelmissbrauch zu enttabuisieren und offen mit allen Beschäftigten über den Umgang mit Suchtmitteln und deren Auswirkungen zu sprechen. Dazu ist es wichtig, dass Führungskräfte einen guten Kontakt zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben, auch zu denen, die z. B. im Homeoffice, auf Montage, in Schichtarbeit tätig sind, um Veränderungen wahrzunehmen und diese anzusprechen. Grundsätzlich sollte die Verfügbarkeit von Suchtmitteln am Arbeitsplatz, z. B. Alkohol, und das Arbeiten unter der Einwirkung von Suchtmitteln verboten werden („Punktnüchternheit“). Beschäftigte sind zum Thema Sucht zu unterweisen und Führungskräfte im Umgang mit auffälligen und suchtkranken Mitarbeiter*innen zu schulen. Darüber hinaus können Suchtbeauftragte qualifiziert und beauftragt werden. Grundsätzlich sind suchtfördernde Arbeitsbedingungen zu erfassen und zu verändern. Weiterhin sollten betriebliche Konzepte für Hilfsangebote eingeführt werden. Die im Unternehmen beschlossenen Maßnahmen der Suchtprävention können zusammenfassend in einer Dienst-/Betriebsvereinbarung festgelegt und allen Beschäftigten bekannt gemacht werden.

Wann sollten Führungskräfte intervenieren?

Um die Sicherheit und Gesundheit aller Beschäftigten am Arbeitsplatz zu gewährleisten, sind auf Auffälligkeiten und problematisches Verhalten zeitnah zu reagieren. Dazu ist es wichtig, dass die Führungskraft das Vieraugengespräch mit der oder dem Betroffenen sucht. In vertraulicher Atmosphäre kann mit der Person besprochen werden, welche Veränderungen von der Führungskraft wahrgenommen werden, welche Ursachen möglicherweise zugrunde liegen und welche gemeinsamen Lösungen gefunden werden können.

Akut unter der Einwirkung von Suchtmitteln stehende Mitarbeitende dürfen nicht beschäftigt werden, sondern es ist für deren sicherer Nachhauseweg zu sorgen. Bei der Rückkehr des/der betroffenen Beschäftigten an den Arbeitsplatz muss die Führungskraft ein Gespräch führen. Dabei ist es wichtig, nicht nur den Vorfall zu besprechen, sondern auch Unterstützung anzubieten sowie auf interne und externe Hilfsangebote zu verweisen. In der folgenden Zeit ist zu beobachten, ob sich dieser Vorfall wiederholt. Auf jeden Fall sollte die Führungskraft mit der oder dem Betroffenen in Kontakt bleiben und ein zweites Gespräch nach vier bis sechs Wochen führen.

Durch präventive und intervenierende Maßnahmen kann sichergestellt werden, dass die arbeitsvertraglichen Verpflichtungen erfüllt werden können. Weiterhin kann die Entwicklung zur Abhängigkeit und Co-Verhalten vermieden bzw. ein Ausstieg daraus ermöglicht werden. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, die Eigenverantwortung der betroffenen Person zu benennen. Durch das Einbeziehen von Kolleginnen und Kollegen können unterstützende soziale Beziehungen gestärkt und ein gutes Betriebsklima gewahrt werden. In jedem Fall sollten sich Führungskräfte, Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bewusst sein, dass sie für den Erhalt der Gesundheit ihrer Beschäftigten mitverantwortlich sind. Wenn Führungskräfte frühzeitig Auffälligkeiten wahrnehmen, diese ansprechen und auf eine Verhaltensänderung hinwirken, kann einer Suchterkrankung vorgebeugt werden.

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