#Nachgefragt: „Die Erwartungen der Betriebe an die Leistungsfähigkeit von Technik sind oft zu hoch.“

Im Interview mit Hinrich Gehrken

Portrait von Hinrich Gehrken in einer blau umrandeten Sprechblase auf weißem Grund © DGUV

02.12.2021

Technik ist aus unserem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Geht es um das Thema Digitalisierung, stoßen aber viele Betriebe und Unternehmen an ihre Grenzen. Der Grund: Obwohl Mitarbeitende Arbeitsabläufe am besten kennen, werden sie in die Prozessgestaltung oft nicht eingebunden. Das erschwert es, Technik sinnvoll zu adaptieren. Im konkreten Arbeitseinsatz kann dann genau das Gegenteil eintreffen: Digitalisierung wirkt nicht mehr unterstützend, sondern belastend. Wie das vermieden werden kann? Das beantwortet Hinrich Gehrken, Mitautor der Studie „Digitalisierung, Arbeit und Gesundheit – Arbeitsbelastungen im Wandel?“.

Sie kommen zu dem Schluss, dass nicht die Digitalisierung Stress macht, sondern schlecht gestaltete digitale Prozesse. Was verstehen Sie darunter?

In der Tat ist es so, dass nicht die neu eingesetzte Technik per se zu mehr oder weniger Belastungen führt, sondern entscheidend ist, wie Digitalisierung und generell Technik in den Arbeitsprozessen gestaltet ist. Es geht schlicht darum, ob Technik sinnvoll adaptiert wird, indem sie z.B. Arbeitsabläufe vereinfacht und technisch unterstützt, ob sie in der Bedienung nutzerfreundlich ist und entlastend wirkt oder nicht. Die Ursache für den Einsatz schlecht gestalteter Digitalisierung, liegt unter anderem darin, dass technologische Neuerungen häufig top-down eingeführt und den Beschäftigten lediglich vorgegeben werden, ohne dass diese hinreichend in die Planung und Ausgestaltung involviert waren. In diesem Zusammenhang spielt auch eine Rolle, dass die Erwartungen der Betriebe an die Leistungsfähigkeit von Technik oft zu hoch sind. In der Realität, also im konkreten Arbeitseinsatz, zeigt sich dann nicht selten der ambivalente Charakter der Technik, die häufig noch nicht ausgereift oder störanfällig ist und die konkreten betrieblichen Anforderungen aus Sicht der Beschäftigten zu wenig berücksichtigt.

Als Beispiel lässt sich die Einführung digitaler Patientenakten in der Krankenhauspflege heranziehen. Auf der Mehrzahl der Stationen des von uns untersuchten Krankenhauses ist diese Digitalisierung nur unvollständig umgesetzt. Während ein Teil der Pflegedokumentation digital über mehrere unterschiedliche Einzelanwendungen erfolgt, existiert gleichzeitig weiterhin eine papierene Patientenakte. Für die Pflegekräfte entstehen durch dieses Nebeneinander digitaler und analoger Systeme Doppelarbeiten, weil sie die entsprechenden Daten zweimal eintragen müssen. Durch die nicht vorhandene Integration der unterschiedlichen digitalen Dokumentationstools auf einer einzigen Benutzeroberfläche müssen Pfleger*innen im hektischen Klinikalltag zudem mit mehreren Anwendungen zugleich hantieren beim Öffnen der unterschiedlichen Programme immer wieder Wartezeiten in Kauf nehmen. Dies ist nur eines von vielen Beispielen. Für viele Beschäftigte ist es Alltag, sich mit Technikmängeln zu arrangieren oder aber sie durch permanente Zusatzarbeiten kompensieren zu müssen.

Wie häufig kommt dieses Problem Ihrer Ansicht nach vor?

Zu häufig. Das Kuriose ist, nach unseren Befragungsdaten von Beschäftigten aus verschiedenen Branchen, dass Beschäftigte digitaler Technik gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt sind und häufig hohe Erwartungen in puncto Arbeitserleichterung haben. So schätzt knapp die Hälfte der Befragten, dass sich die „Effizienz und Effektivität“ sowie die „Qualität der Arbeitsergebnisse“ durch neue Technologien verbessern könnte. Andererseits zeigen dieselben Daten aber auch, dass nur maximal ein Drittel ihre Technik im Hinblick auf Störanfälligkeit, Gestaltbarkeit und Zuverlässigkeit als gut oder sehr gut empfindet. Immerhin ein Drittel gibt an, dass Digitalisierung Entscheidungsspielräume und Zeitdruck negativ beeinflusst – wobei es hier kaum positive Einschätzungen gibt. Die Zuschreibungen und Konnotationen der Technik sind positiv, die erlebten Effekte aufgrund der zuvor genannten Technikmängel in vielen Fällen leider negativ.

Umgekehrt sehen Sie große Chancen darin, Mitarbeitende an der Gestaltung der Prozesse zu beteiligen. Warum?

Zunächst einmal muss man festhalten, dass die Beschäftigten diejenigen sind, die ihre Arbeitsprozesse am besten kennen und in der Regel auch gut beurteilen können, ob und welche Technik sich im Arbeitsalltag bewähren kann. Wenn Betriebe in diesen Fragen auf die Beschäftigten zugehen, dann wird das häufig als Wertschätzung empfunden. Diese Art der Einbindung stärkt außerdem das wechselseitige Verständnis und damit auch den Zusammenhalt von Fach- und Führungspersonal auf der einen Seite und Beschäftigten auf der anderen Seite. Unseren Erkenntnissen nach fühlen sich Beschäftigte in Betrieben, in denen ein hohes Maß an Mitgestaltung praktiziert wird, insgesamt weniger belastet und das Arbeitsklima wird besser beurteilt als in Betrieben, wo dies nicht der Fall ist. Es geht also um Empowerment und demokratische Mitgestaltung am Arbeitsplatz, die im Endeffekt nicht nur den Beschäftigten nutzen, weil sich ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern und sie von den Effekten profitieren, sondern auch den Unternehmen, weil die Lösungen und Hinweise der Beschäftigten häufig effizient sind, ohne zusätzliche Belastungen hervorzurufen.

Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine gelungene Beteiligung der Mitarbeitenden aus? (Welches ist der beste Weg, um Beteiligung zu fördern?)

Wichtig wäre, von der oben erwähnten und häufig anzutreffenden top-down Logik wegzukommen und eine funktions- und hierarchieübergreifende Zusammenarbeit zu etablieren, die vor allem auf eine rechtzeitige Einbindung der Arbeitsebene, d. h. der Beschäftigten und der prozessnahen Vorgesetzten, setzt. Nur zu informieren oder Bedarfe abzufragen greift in der Regel zu kurz. Beschäftigte müssen vielmehr kontinuierlich und direkt in die betrieblichen Gestaltungsprozesse einbezogen werden. In welchem Maße dies geschieht, hängt letztlich auch von der Unternehmenskultur und den praktizierten Aushandlungsprozessen im Betrieb ab.

Zur Bestellliste hinzugefügt
zur Bestellübersicht (0)