#Nachgefragt: Psychische Belastungen im Gesundheitsdienst

Im Interview mit Dr. Carola Ernst

Die Coronavirus-Pandemie stellt vor allem eine Branche vor große Herausforderungen: den Gesundheitsdienst. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Arzt- und Physiotherapie-Praxen oder aber Labore mussten innerhalb kürzester Zeit auf die neue Situation reagieren, um Mitarbeitende vor einer Infektion zu schützen und die Verbreitung des Coronavirus zu verhindern. Gleichzeitig kommt in vielen Betrieben die Frage auf, wie über den Infektionsschutz hinaus die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten in dieser Krisensituation geschützt werden kann. Wie Arbeitgebende ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Krisensituation vor den Auswirkungen psychischer Belastung schützen können, darüber sprachen wir mit Dr. Carola Ernst, Leiterin der Abteilung Organisation von Sicherheit und Gesundheit der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen sowie Mitautorin der Handlungshilfe „Psychische Belastung und Beanspruchung von Beschäftigten im Gesundheitsdienst während der Coronavirus-Pandemie“.

Angestellte im Gesundheitsdienst haben immer wieder mit Infektionswellen zu tun – erinnert sei an die außergewöhnlich starke Grippewelle 2017/2018 oder die Schweinegrippe 2009/2010. Was ist das Besondere an der Coronavirus-Pandemie und vor welchen psychischen Herausforderungen stehen Beschäftigte im Gesundheitsdienst? 

Die Coronavirus-Pandemie hat bisher nie erlebte Konsequenzen für das Leben jedes Einzelnen – im Privaten wie bei der Arbeit – hervorgerufen. Für die Beschäftigten in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Einrichtungen des Gesundheitsdienstes spitzen sich die besonderen Umstände noch einmal zu. Hier kommt die Ungewissheit der sich ständig verändernden Situation und zukünftigen Entwicklungen der Pandemie zum Tragen. Gerade im Gesundheitsdienst ist die Sorge der Beschäftigten andere anzustecken oder selber zu erkranken besonders groß, solange es keinen wirksamen Impfstoff gibt. Die emotionalen Herausforderungen sind hier vielfältig und können sehr anspruchsvoll sein: zum Beispiel die Betreuung schwer Erkrankter, Kontaktverbote von Angehörigen oder Sterbender, Miterleben einsamer Menschen in Pflegeeinrichtungen oder die eigene Hilflosigkeit.

Welche Maßnahmen sollten Arbeitgeber konkret ergreifen, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor allem vor psychischen Gefährdungen zu schützen?

Soziale Unterstützung durch die Vorgesetzten, aber auch im Kreise der Beschäftigten ist essentiell. In der Gemeinschaft lässt sich eine Krise besser bewältigen. Je unsicherer die Situation, desto wichtiger ist es, dass die Führungskräfte Halt geben. Die Ängste und Sorgen der Beschäftigten, aber auch Vorschläge, die die Situation verbessern können, müssen ernst genommen werden. Gezielte und regelmäßige Information über die aktuelle Situation helfen die Herausforderungen handhabbarer zu machen.

Woran erkennt man eigentlich, dass jemand unter einer bestimmten Situation leidet? Gibt es bestimmte Warnsignale, auf die Vorgesetzte, aber auch Kolleginnen und Kollegen achten können?

Die Reaktionen auf die besonderen Umstände können sehr vielfältig und individuell sein. Sie können sich auf verschiedenen Ebenen zeigen: körperlich, kognitiv, emotional, verhaltensbezogen. Vorgesetzte, aber auch Kolleginnen und Kollegen sollten auf körperliche Veränderungen oder Veränderungen vor allem im Verhalten, z.B. Rückzug, verändertes Essverhalten, achten.

Wir alle können nicht absehen, wie es mit dem Coronavirus weitergeht. Deutlich ist aber schon jetzt, dass die Corona-Pandemie eine in vielen Bereichen fordernde Situation darstellt. Kann sich das auch langfristig auf Beschäftigte im Gesundheitsdienst auswirken und wie kann man sie vor langfristigen negativen Auswirkungen schützen? 

Häufig ist es so, dass Menschen in außergewöhnlichen Belastungssituationen gut funktionieren. Hinzu kommt, dass sich die Auswirkungen einer solchen Belastungssituation – so unterschiedlich wie sie sein können – erst später zeigen und sich schlimmstenfalls verfestigen. Daher ist es wichtig, dass Arbeitgebende und Vorgesetzte die Beschäftigten auch nach überwundener Pandemie im Blick behalten. Dazu muss die Möglichkeit gegeben werden, dass Beschäftigte offen ihre Gefühle ansprechen dürfen und ggf. Unterstützung bekommen.
Langfristig ist es hilfreich, die Widerstandsfähigkeit, die sogenannte Resilienz, der Beschäftigten zu stärken. Menschen bleiben eher gesund, wenn sie ihre Arbeitssituation als verstehbar, handhabbar und sinnvoll begreifen. Die Rahmenbedingungen sollten so gestaltet werden, dass sich dieses Gefühl einstellen kann. 

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